Geschichten und Parabeln


Aus dem Yogawâsischtha (Mokschopâya) (PDF-Info) gefischt
und vom Sanskrit ins Deutsche gebracht
von Peter Thomi
© by Institut für Indologie Wichtrach (Schweiz)



Des Dâschûra kleine Geschichte


Es gab einmal einen höchst pfichtbewussten, grossen Asketen, Dâschûra mit Namen, Anhänger des grossen Yoga der Askese, einziger Sohn seines Vaters Scharaloman. Nachdem sie beide das Leben im Wald verbracht hatten, ging Scharaloman von dannen, er verliess den Körper gen Himmel, wie ein Vogel sein Nest verlässt. Allein nun in dem Wald, vom Schicksal des Vaters beraubt, heulte wie ein Fischadler Dâschûra jämmerlich. Da wurde der Verzweifelte von einer unsichtbaren Gottheit des Waldes wie folgt getröstet: Du Sohn eines Weisen, was weinst wie ein Unwissender du? Warum weisst du nicht, dass die Natur des Daseins unstet ist, o Guter! Man wird geboren, lebt und geht hernach unweigerlich zugrunde! – Nachdem er, geröteten Auges, die körperlose Stimme vernommen, fasste er sich wieder. Er erhob sich, tat sorgfältig, was für den Vater als Letztes zu tun war, und konzentrierte sich dann, um des höchsten Zieles willen, ganz auf die Askese. Weil sein Geist aber nicht erkannte, was es zu erkennen gilt, kam sein Gemüt nicht zur Ruhe. Er entfachte ein loderndes Feuer und opferte Fleisch, das er sich aus der Schulter schnitt. Und es erschien der erhabene Feuergott vor ihm, strahlend wie die Sonne, und spach: Priestersohn, als Lohn sollst du empfangen, was immer du begehrst! – Zu dem Makellosen der Priestersohn sagte: Erhabener, auf dem Erdboden kann ich keinen reinen Winkel finden. Darum möchte ich oben in den Bäumen wohnen! – Der Feuergott sprach: So soll es sein! – und verschwand. (Damit hatte Agni den Priester von seiner heiligen Pflicht entbunden, Opferfeuer zu unterhalten.) Sowie der Gott verschwunden war, erklomm der Brahmane einen inmitten des Waldes stehenden Kadamba-Baum, der an das Reich der Wolken rührte, eine Säule zwischen Himmel und Erde. Dort, auf einem sich an den Himmel schmiegenden Ast, liess er sich nieder und gab sich konzentriert der Askese hin. Als mit der Zeit das Gemüt sich geweitet hatte und makellos geworden war, stellte sich mit Macht das befreiende Wissen ein, das ihm das wahre Selbst erhellte. Eines Tages erblickte er, unmittelbar auf seinem Ast, eine Nymphe mit schönen grossen Augen und sanft wehendem Blütengewand. Zu der Tadellosgliedrigen, die demütig den Kopf gesenkt hielt, sprach der Asket: Wer bist du, o Lotusäugige, die du mit deiner Anmut selbst den Liebesgott in Verlegenheit bringst? – Die Gazellenkitzäugige sagte mit lieblicher Stimme: Ich bin eine Nymphe dieses von Kurzweil erfüllten, mit deinem Kadamba-Baum geschmückten Waldes und tummle mich im Geäst der Bäume, o Brahmane! Es gab da ein Treffen der Nymphen in Indras, des Götterkönigs, Paradiesgarten, das jeweils statfindet zum Fest des Liebesgottes am dreizehnten Tag der lichten Hälfte des Frühlingsmonats Tschaitra. Dort sah ich, selber kinderlos, alle Freundinnen mit Kindern. Das schmerzte mich sehr. Erhabener, schenke mir einen Sohn! Wenn nicht, richte ich, um den Schmerz nicht länger ertragen zu müssen, meinen Körper als Opferspende für das Feuer her! – So sprach die Schöne, und der Beste der Asketen hatte Mitleid, lächelte, reichte ihr eine Blume und sprach: Geh, du Schöne, in einem Monat wirst du, Bienenäugige, einen wohlgeratenen Sohn gebären! – So sagte der Asket zu der Schönen, deren Antlitz sich aufklärte, und liess die Bittstellerin ziehen. Nach kurzer Zeit kehrte die Lotusäugige mit einem zwölfjährigen Sohn zu dem Asketen zurück. Sie verneigte sich, liess sich nieder und sprach, mondgleichen Angesichts, mit zarter Stimme: Dieser wunderbare Junge, o Erhabener, ist unser beider Sohn. Ich habe ihm alle Künste – Musik, Tanz , Malerei usw. – beigebracht. Du mögest dich seiner mitleidig annnehmen, o Herr! – So sagte sie. Und der Asket entliess sie mit den Worten: Du sollst ihn hierlassen, den Sohn, als meinen Schüler, o Frau! – Nachdem sie gegangen, unterrichtete er den Sohn in traditionellem Wissen und in den Lehren des Veda und Vedânta, mit Geduld stets, ausführlich, der Reihe nach. Eines Tages nun erzählte er ihm die folgende kleine Geschichte:

Es gibt einen mächtigen, berühmten König. Svottha (Selbstentstanden) heisst der Glanzvolle, welcher die ganze Welt beherrscht. Im unendlich weiten leeren Raum wird er geboren. Und in eben diesem grenzenlosen Raum bringt er eine Stadt mit vierzehn grossen Strassen und mit zwei unversieglichen Leuchten, einer kalten und einer heissen, hervor. Doch irgendwann kommt ihm der Wunsch, dem Launischen, wieder zu verschwinden. Und so verschwindet er sogleich. Und wieder entsteht er unverzüglich aus dem leeren Raum, wie eine grosse Welle aus dem Wasser. Er entwickelt eine intensive Tätigkeit, um von neuem in seiner Aktivität zu erlahmen. Bisweilen härmt er sich ob seiner eigenen Betriebsamkeit und sagt sich bekümmert: Warum tu ich das? Ich bin ein Tor! – Und bisweilen freut er sich und dehnt sich spontan aus.

Nun fragte der Sohn den Vater dort oben im Kadamba-Baum: Wer ist dieser Svottha genannte König, o Vater? Warum hast du mir das erzählt? – Dâschûra sprach: Höre, Sohn, ich will es dir sagen. Als selbstentstanden (svottha) bezeichnet man die aus dem absoluten leeren Raum hervorgegangene Imagination. Diese entsteht ganz von selbst und verschwindet ganz von selbst. Es ist ihr Wesen, aus welchem die gesamte Welt in ihrer ganzen Ausdehnung hier besteht. Im leeren Raum hat sie diese Stadt geschaffen, wo sich die vierzehn Strassen, die Sphären der Welt und Nichtwelt (der lichten und dunklen Seite des Kosmos), dahinziehen und wo die beiden kalt und heiss brennenden Leuchten, die der Wind nicht auslöscht, Mond und Sonne sind. Wenn sie etwas imaginiert, erblickt sie es sogleich. Es genügt, dass sie das Imagieren einstellt, und alles verschwindet, auf der Stelle. Wenn man auch tausend Jahre strenge Askese übt, es gibt keinen anderen Weg zum Heil als das Aufhören der Imagination. In der Tat, o Fehlloser, sind alle Dinge auf dem Faden der Imagination aufgezogen. Wenn der Faden durchschnitten, weiss ich nicht, wo sie, zerstiebend, hingelangen. – Das war des Dâschûra kleine Geschichte. Man möge es sich wohl vergegenwärtigen: Wie des Dâschûra kleine Geschichte, so ist diese Welt.




Âkâschadscha (Raumgeboren)



Es gibt da, Âkâschadscha (Raumgeboren) mit Namen, einen Brahmanen (Priester) von höchster Tugend, der allein mit Meditieren beschäftigt ist und nur das Wohl der Geschöpfe im Auge hat. Als dieser schon lange gelebt, dachte der Tod: Alle Wesen, eines nach dem anderen, verzehre ich Unvergänglicher, fürwahr! Warum verschlinge ich diesen Priester Raumgeboren nicht? Bei ihm ist meine Kraft so stumpf wie eine Schwertklinge bei einem Stein! – So dachte er und eilte, um ihn zu töten, in seine Stadt. Als der Tod nun aber sein Haus betritt, da brennt ihn ein Feuer wie das Feuer beim Weltuntergang. Er durchbricht den mächtigen Ring aus Feuerflammen, gewahrt den Brahmanen und bemüht sich nach Kräften, seiner habhaft zu werden. Obschon er ihn unmittelbar vor sich hatte, der Mächtige bekam den Brahmanen mit hundert Händen sowenig zu fassen wie eine Truggestalt. Da ging der Tod zu Yama (dem Herrscher des Totenreiches) und fragte den, der alle Fragen zu lösen weiss: Warum, so sage mir, kann ich Âkâschadscha nicht verschlingen, o Herr? – Yama sprach: Tod! Du allein hast durchaus nicht die Macht zu töten. Es sind deines Opfers Taten, die das vollbringen! Darum sollst du sorgfältig nach den Taten dieses Priesters forschen, den du töten willst. Mit ihrer Hilfe wirst du ihn verspeisen. – Nun machte sich der Tod auf und wanderte über die ganze Erde und nirgends fand er, erbost, auch nur eine Spur der Taten von Raumgeboren. Er kehrte zu Yama zurück, der sich in allen Dingen wohl auskennt, und fragte: Wo sind die Taten von Âkâschadscha? Sag, o Herr! – Yama überlegte lange und gab dann folgendes zur Antwort: Tod, von Âkâschadscha gibt es keine Taten! Dieser Priester Âkâschadscha, Raumgeboren, ist aus blossem Raum entstanden. Wer nur aus Raum entstanden, den gibt es einzig nur als makellosen leeren Raum. Dieser Priester verfügt über nichts, das dir helfen könnte. Darum, o Tod, bemühe dich nicht weiter, ihn in deine Gewalt zu bekommen! – Erstaunt hörte das der Tod und begab sich nach Hause. (Dieser Priester nämlich war Gott Brahmâ, der Schöpfer des Universums.)




Die Söhne des Indu



Nachdem einst der erhabene Schöpfergott Brahmâ, als der Tag vergangen war, sich gesammelt und das ganze Universum eingeholt hatte, verbrachte er schlafend seine Nacht. Als die Nacht zu Ende und der Ungeborne wieder erwacht war, richtete er sein geistiges Auge auf den weiten leeren Raum, um die Geschöpfe hervorzubringen. Dort, in dem ausgedehnten leeren Raum, erblickte er nun aber eine ganze Reihe voll ausgebildeter, unabhängig voneinander existierender Universen. Er schaute sie und staunte sehr: Wie kommt das bloss? – Er schaute lange, holte dann aus diesen zahlreichen Welten mit seinem Geist eine Sonne herbei und fragte: Wer bist du? Wie sind diese vielen Universen entstanden, o Strahlende? Wenn du es weisst, Erhabene, dann sag es, o Gute! – Die Sonne, derweise vom Schöpfer angesprochen, verneigte sich ehrfurchtsvoll und antwortete: Von dir geht die Welt der Erscheinungen stets aus. Warum weisst du es nicht? Weshalb fragst du mich, o Herr? Wenn dir meine Wortkunst jedoch Vergnügen bereitet, o Allgegenwärtiger, dann sollst du hören, wie es zu meiner Entstehung gekommen ist:

Am Fuss des Kailâsa-Gebirges, in einem Winkel des Rosenapfelkontinents, gab es ein reiches Land voller Glück und Schönheit. Dort lebte ein sehr pflichtbewusster, überaus freundlicher, hochgelehrter Brahmane, Indu (Mond) mit Namen, aus dem Geschlecht des Kaschyapa. Der hatte eine Frau, die ihm teuer war wie das eigene Leben, doch einen Sohn gebar sie dem Grossen sowenig wie die Wüste einen Baum. So bestieg das Paar in seinem Kummer die Höhen des Kailâsa-Gebirges, zur Askese um der gewünschten Söhne willen, und widmete sich ganz dem heiligen Werk. Sie kasteiten sich schrecklich und ernährten sich wie die Bäume nur von Wasser. Daraufhin gewannen sie den Gott, der die Mondsichel im Haarschopf trägt, Gott Schiwa. Und er kam an den Ort, wo sich das Priester-Ehepaar kasteite. – Du darfst dir sogleich etwas wünschen, Priester, ich bin zufrieden! sagte er zu dem Brahmanen. – Der Priester sprach: Erhabener Herr, Gott der Götter! Zehn gescheite Söhne möge die Zukunft mir bringen, damit mich der Kummer nicht weiter quält! – So sei es! sagte der Gott und verschwand. Und das Paar ging zufrieden im Besitze seines Lohnes nach Hause. Darauf gebar die Brahmanenfrau im Verlaufe der Zeit zehn wohlgeratene Söhne. Und die zehn Knaben wurden einer nach dem anderen gross. Dann, nach vielen Jahren, gaben die Eltern ihren Körper auf und kehrten, um den Ursprung wissend, in ihren Ursprung zurück. Als die zehn Brahmanen Mutter und Vater verloren hatten, verliessen sie in ihrer Trauer das Haus und begaben sich auf den Gipfel des Kailâsa. Betrübt stellten sich dort die Elternlosen die Frage: Was wäre wohl auf Erden das höchste Heil? Was würde hier ein Leben ohne Leid versprechen? – Der Älteste sprach: Von allen grossen Dingen, ihr Brüder, will mir nur das Brahmâ-Sein, nichts anderes, hier gefallen, ein Dasein als Schöpfergott, das in alle Ewigkeit nicht untergeht! – Die anderen Brüder sprachen: Wie klug, o Lieber, hast du gesagt, wie alles Unglück zu beseitigen ist! Leite uns, sei unser Weg! Eia, wir werden Brahmâ sein! – Der Älteste sprach: Indem ihr euch vergegenwärtigt: 'Ich bin der leuchtende Brahmâ auf dem Lotussitz' (Gott Brahmâ sitzt auf einer Lotusblume), möge lange euer Gedanke sein: 'Ich entlasse, ich hole ein (ich erschaffe und vernichte)'. – Also hielten nun die zehn Brahmanen die Vorstellung fest, Gott Brahmâ zu sein. Und sie vergassen ihre früheren Körper, welche sie im Verein mit der früheren Vorstellung, nämlich Brahmanen zu sein, aufgegeben hatten. Von den Winden und der Hitze trockneten die Körper schliesslich alle aus und zerfielen wie dürre Blätter. – Die Schöpfung gibt es für diese Brahmanen nun zehnfach. Die zehn sind zum Brahmâ geworden. Und ich – Sonne, die Tag und Nacht entstehen lässt, – bin einer von ihnen. – So sprach die Sonne zum Schöpfer und ging nach Hause. Und auch Brahmâ, der Herr der Götter, wandte sich seinen Geschäften zu.




Der Sohn des Bhrigu


Vor Zeiten übte der erhabene Bhrigu auf den Höhen des Mandara-Gebirges strengste Askese. Zu ihm, dem grossen Weisen, begab sich sein glanzvoller junger Sohn, der kluge Schukra, der wie der volle Mond, wie die strahlende Sonne war. Eines Tages – der Vater war in tiefer Meditation versunken und er selber gerade unbeschäftigt – erblickte er eine Himmelsfrau, eine Nymphe, die durch die Lüfte ging, mit Korallenbaumblüten bekränzt, das gelockte Haar von sanftem Wind bewegt. Er schaute die Liebliche, und sein Herz hüpfte vor Lust. Mit offenen Augen begann er zu sinnieren und trat in eine Fantasie ein, die ihn alles andere vergessen liess: Er sah sich im Götterhimmel, wo die Himmelsfrauen zu Hause sind; er begrüsste Indra, den Götterkönig, und wurde auch von ihm willkommen geheissen. Es begann für ihn ein vergnügtes Leben. Und schliesslich erblickte er sie wieder, inmitten der lieblichen Himmelsfrauen, die Gazellenkitzäugige. Und auch sie schaute ihn und war sogleich in seinen Bann gezogen. Gemeinsam verbrachten sie glücklich acht Weltzeitalter in der Stadt des Götterkönigs. Doch ewig konnte dies nicht währen: Als er daran dachte, dass das moralische Verdienst, das ihm diesen langen Aufenthalt im Himmel ermöglicht hatte, allmählich aufgebraucht war, fiel er auf die Erde hinab – und vergass, wer er war. Im Nu wurde er zu Tau und dann zu Reis. Diesen Reis ass, sobald er reif war, ein Brahmane (Priester) in Daschârna. Schukra verwandelte sich darauf in Sperma und wurde am Ende zum Sohn der Frau des Brahmanen. Dieser Sohn kam mit Weisen in Berührung und kasteite sich streng.

Nach langer Zeit fiel nun, von Wind und Hitze ausgemergelt, der Körper – derjenige, der als des Bhrigu Sohn zur Welt gekommen und auf dem Mandara weilte, – zu Boden. Weil diese reine Stätte jedoch frei war von Gier und Hass, und auch wegen des Vaters Bhrigu, der sich in grosser Aske befand, frassen ihn die Tiere und Vögel nicht.

Als Bhrigu aus dem Samâdhi, aus seiner tiefen Meditation, wieder erwachte, waren Tausende von Jahren verstrichen. Vor ihm befand sich jedoch kein Sohn, der ihn demütig begrüsste. Er sah nur ein grosses schwarzes Gerippe. Er nahm dies Gerippe wahr, besann sich nicht lange und erhob sich. Sowie Bhrigu nämlich erkannt hatte, dass der Sohn gestorben war, richtete sich sein ganzer Zorn gegen Kâla (der sowohl der Tod als auch die Zeit ist): Warum hat er meinen Sohn zur Unzeit weggeführt? – Der Erzürnte schickte sich gerade an, einen Fluch gegen Kâla auszusenden, als dieser, der sonst gestaltlos, sich dem Weisen in einer sichtbaren Gestalt offenbarte. Kâla sprach zu dem grossen Weisen: Du bist ein Priester von unendlicher Askeseglut. Wir sind der Hüter des Schicksals. Vergeude nicht, o Törichter, die Kraft deiner Askese. Wenn wir von den grossen Flammen beim Weltuntergang nicht verbrannt werden, was kannst du schon mit einem Fluch gegen uns ausrichten? Während du im Samâdhi weiltest, war der Sinn deines Sohnes an den Sitz der Götter geeilt. Dort, o Weiser, war er mit einer schönen Nymphe zusammen. Dann war er ein Priester in Daschârna, dann ein König in Kosala. Zur Zeit übt er als Wâsudewa, Sohn eines Brahmanen, Askese am Ufer der Gangâ (des Ganges). Wenn du es sehen möchtest, o Weiser, dann öffne dein Auge! Schau mit dem Auge des Wissens! – Und Bhrigu richtete das Auge des Wissens auf das Tun des Sohnes. Augenblicklich sah er in allen Einzelheiten dessen Geschichte, abgebildet im Spiegel seines Geistes. Erstaunt blickte er Kâla an. Der erhabene Kâla nahm den Weisen lächelnd bei der Hand, und Kâla und Bhrigu machten sich gemeinsam auf, um vom Mandara-Gebirge hinab zum Ufer der Gangâ zu gelangen. Im Nu waren sie da. Und irgendwo an ihrem Ufer erblickte Bhrigu den Sohn, reglos im Samâdhi verharrend. Weil Kâla dies so wollte, beendete Wâsudewa die Meditation, öffnete die Augen, gewahrte Kâla und Bhrigu, stand auf, verneigte sich und fragte, wer sie seien in ihrer beglückenden Erscheinung. Da sagte Bhrigu zu seinem Sohn in dem anderen Leben: Erinnere dich! Du bist ein Erwachter, du bist kein Unwissender mehr! – Von Bhrigu dazu aufgefordert, erinnerte er sich sogleich an sein anderes Leben. Voller Erstaunen sprach er da, erfreuten Herzens: Vater, gehen wir, schauen wir! Ich möchte den Körper auf dem Mandara sehen! – Und augenblicklich waren sie vom Ufer der Gangâ in die Abgeschiedenheit des Mandara gelangt. Dort sah Wâsudeva den aus dem früheren Leben stammenden Körper. Er sagte: O Vater, ausgetrocknet ist ja dieser Körper hier! – Kâla aber sprach: Geh, du Guter, in diesen Körper ein, wie ein König in seine Stadt! – und verabschiedete sich. Sowie der Erhabene verschwunden war, ging Bhrigus Sohn in den Körper ein und hörte auf, sich als der Brahmane vom Ufer der Gangâ zu betrachten. Darauf gab Bhrigu mit Sprüchen und Wasser aus seinem Krug dem Körper die Fülle zurück. Und als der Atemwind strömte, erhob sich Schukra und begrüsste feierlich den Vater in seiner heiligen, gottgleichen Gestalt.




Dâma, Wyâla und Kata


Es gab in der Unterwelt einen Dämonenfürsten und grossen Zauberer von schrecklicher Gestalt, Schambara mit Namen. Dieser verfügte über ein riesiges Heer, um die Götter zu vertreiben. Wenn der Zauberer jedoch schlief oder sich an einen anderen Ort begab, nutzten die Unsterblichen die Gelegenheit und schlugen flugs zu, nachdem sie fürwahr eine schwache Stelle gefunden. Welche Generäle auch immer von Schambara sorgfältig ausgewählt und mit der Führung der Truppen betraut wurden, den Göttern gelang es immer wieder, sie zu schlagen.

Da schuf der zornige Schambara mit seiner Zauberkraft drei gewaltige Dämonen, furchteinflössend wie die Berge der Urzeit, die sich noch mit Flügeln in Bewegung setzten: Dâma, Wyâla und Kata. Diese hatten weder persönliche Neigungen noch ein Selbstgefühl. Weder Leben noch Tod kannten sie, weder Sieg noch Niederlage. Sie waren einfach nur zum Töten gerüstet. Wenn sie einen Gegner vor sich erblickten, dann töteten sie diesen. Schambara war sehr zufrieden. Er dachte: Die sind nicht zu besiegen, auch von den Göttern nicht, – und sandte sein mit Dâma, Wyâla und Kata verstärktes Heer aus, um Indras, des Götterkönigs, Streitmacht zu vernichten. Zwischen Himmel und Erde kam es zur Schlacht. Und die Heerscharen der Götter liefen davon, wie Wasser ohne Dämme.

Nun begaben sich die gescheiterten Götter zum Schöpfergott Brahmâ, dem allmächtigen, für ein Mittel, das ihnen zum Sieg verhelfen sollte. Sie verneigten sich vor ihm, danach schilderten sie genau, wie Dâma, Wyâla und Kata sich verhielten. Brahmâ hörte sich alles an und sann über das Problem nach. Wohlan, sprach dieser, noch tausend Jahre, dann wird der Herr der Unsterblichen siegreich sein. So lange müsst ihr Geduld haben. Ihr sollt Dâma, Wyâla und Kata nun weiter in Kämpfe verwickeln, stets wieder fliehen und von neuem kämpfen! Diese Taktik wird bewirken, dass sich in ihrem Innern schliesslich das ganze Drum und Dran eines Ichs abbildet. Sobald sie persönliche Neigungen entwickelt haben, werden Dâma, Wyâla und Kata für euch, ihr Götter, eine leichte Beute sein – wie Vögel, die in Netzen hängen! Selbst diese Leute verändern sich, wenn von den Fesseln der Neigungen gebunden. – So sagte der erhabene Gott und verschwand.

Ein zeitraubender, schrecklicher Kampf fand statt, wieder und wieder. Immer wieder zogen sich die Götter zurück, um stets von neuem zu kämpfen. Und weil den Dämonen Dâma, Wyâla und Kata mit der Zeit ein Ich herangewachsen war, verloren sie, verdunkelten Geistes, die Gleichgültigkeit, was ihre Person betraf. Dadurch gerieten sie in Sorge und begannen vom Gedanken heimgesucht zu werden, dass sie sterben könnten. – Was bleibt da viel zu sagen? Sie fürchteten, getötet zu werden, hatten als Ausweg einzig die Flucht noch, und die Feinde der Götter waren geschlagen.



10.11.2011



ADRESSE

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Indologie
(heute gerne als
auf Indien bezogene Kulturwissenschaft umgedeutet)
ist – als Teilgebiet der Indoiranistik – eine Altertumswissenschaft.
Sie befasst sich mit der Sprache und Literatur
der altindischen indogermanischen Sprachgruppe Vedisch, Sanskrit und Prakrit inkl. Pali.