Geschichten und Parabeln


Aus dem Yogawâsischtha (Mokschopâya) (PDF-Info) gefischt
und vom Sanskrit ins Deutsche gebracht
von Peter Thomi
© by Institut für Indologie Wichtrach (Schweiz)



Die Geschichte von Dschanaka


Es gibt einen besonders klugen, mächtigen König von Videha, Dschanaka mit Namen, dem alles Unglück abhanden gekommen und das Wohlergehen wie die Sonne aufging. Dieser begab sich einst zur Frühlingszeit in seinen geliebten Garten. In diesem mit Blütenduft entzückenden, wunderbaren Garten ging er sodann – ganz ohne Gefolge – unter den Bäumen spazieren. Da hörte er irgendwo im Laubwerk die folgenden feierlichen Verse, welche das wahre Selbst besangen: Dessen gewiss zu sein, glückselige Zuversicht bedeutet: ihm, dem aus der Natur seiner selbst entstandenen, bewegungslosen Selbst wenden wir uns in Verehrung zu! Das sich stets zwischen den beiden Flügeln »ist« und »ist nicht« befindet, das die Lichter zum Leuchten bringt: dem Selbst wenden wir uns in Verehrung zu! Das körperlos in allen Gestalten zugegen: dem eigenen, wahren Selbst wenden wir uns in Verehrung zu! Diejenigen, die des Herrn im Innern des Herzens nicht achten und einem anderen Gott zustreben, begehren gleichsam einen Edelstein und haben den kostbarsten in ihren Händen losgelassen! – So verkündeten feierlich die unsichtbaren Genien. Und nachdem der König es vernommen, verzagte er sogleich wie ein ängstlicher Krieger, wenn Kampfgeschrei erschallt. Er begab sich in seine Gemächer und, das Leben der Menschen betrachtend, wehklagte er niedergeschlagen: Oh Jammer! Wie ein tauber Stein unter tauben Steinen bewege ich mich in dieser Welt wahnhaft hin und her. Einer unendlichen Zeit winzigen Teil lebe ich. Und daran hänge ich mein Herz! Schande über mich und mein erbärmliches Leben! Wie kümmerlich ist doch dieses mein Königtum! Ohne seine Bedeutungslosigkeit zu sehen, verharre ich darin wie einer, der den Verstand verloren! Etwas, das wirklich wertvoll, das wirklich vorzüglich wäre, das gibt es hier nicht. Wozu halte ich noch daran fest? Scheitel allen Unglücks wird das Dasein genannt. Wenn einer in seine Mitte gefallen, wie könnte er zu Glück gelangen? Feststeht, dass das Manas, das Gemüt, die Wurzel dieses aus tausend Trieben und Zweigen bestehenden und mit Früchten und Blättern versehenen Baumes des Daseins ist. Dieses Manas erkenne ich als Imagination. Wenn ich es aber mit dem Versiegen der Imagination austrockne, tocknet auch der Baum des Daseins aus! – Ich bin erwacht, ich habe meine Schwäche überwunden, habe den Dieb des Selbst erkannt! Ich schlag ihn nieder, der Manas heisst! Lange bin ich von ihm geschlagen worden! Von den klugen, guten Genien bin ich trefflich geweckt worden! Dem Selbst will ich folgen, das zur höchsten Glückseligkeit führt! – Darauf schickte Dschanaka sich an, sein Tagwerk, wie es ihm natürlich zugefallen, zu vollbringen, ohne an etwas haften zu bleiben, – wie den Tag zu vollbringen der Herr des Tages, die Sonne: Das Zukünftige kümmert ihn nicht, über das Vergangene denkt er nicht nach. Er ist da und lacht über den währenden Augenblick.



Des Dâschûra kleine Geschichte


Es gab einmal einen höchst pfichtbewussten, grossen Asketen, Dâschûra mit Namen, Anhänger des grossen Yoga der Askese, einziger Sohn seines Vaters Scharaloman. Nachdem sie beide das Leben im Wald verbracht hatten, ging Scharaloman von dannen, er verliess den Körper gen Himmel, wie ein Vogel sein Nest verlässt. Allein nun in dem Wald, vom Schicksal des Vaters beraubt, heulte wie ein Fischadler Dâschûra jämmerlich. Da wurde der Verzweifelte von einer unsichtbaren Gottheit des Waldes wie folgt getröstet: Du Sohn eines Weisen, was weinst wie ein Unwissender du? Warum weisst du nicht, dass die Natur des Daseins unstet ist, o Guter! Man wird geboren, lebt und geht hernach unweigerlich zugrunde! – Nachdem er, geröteten Auges, die körperlose Stimme vernommen, fasste er sich wieder. Er erhob sich, tat sorgfältig, was für den Vater als Letztes zu tun war, und konzentrierte sich dann, um des höchsten Zieles willen, ganz auf die Askese. Weil sein Geist aber nicht erkannte, was es zu erkennen gilt, kam sein Gemüt nicht zur Ruhe. Er entfachte ein loderndes Feuer und opferte Fleisch, das er sich aus der Schulter schnitt. Und es erschien der erhabene Feuergott vor ihm, strahlend wie die Sonne, und spach: Priestersohn, als Lohn sollst du empfangen, was immer du begehrst! – Zu dem Makellosen der Priestersohn sagte: Erhabener, auf dem Erdboden kann ich keinen reinen Winkel finden. Darum möchte ich oben in den Bäumen wohnen! – Der Feuergott sprach: So soll es sein! – und verschwand. (Damit hatte Agni den Priester von seiner heiligen Pflicht entbunden, Opferfeuer zu unterhalten.) Sowie der Gott verschwunden war, erklomm der Brahmane einen inmitten des Waldes stehenden Kadamba-Baum, der an das Reich der Wolken rührte, eine Säule zwischen Himmel und Erde. Dort, auf einem sich an den Himmel schmiegenden Ast, liess er sich nieder und gab sich konzentriert der Askese hin. Als mit der Zeit das Gemüt sich geweitet hatte und makellos geworden war, stellte sich mit Macht das befreiende Wissen ein, das ihm das wahre Selbst erhellte. Eines Tages erblickte er, unmittelbar auf seinem Ast, eine Nymphe mit schönen grossen Augen und sanft wehendem Blütengewand. Zu der Tadellosgliedrigen, die demütig den Kopf gesenkt hielt, sprach der Asket: Wer bist du, o Lotusäugige, die du mit deiner Anmut selbst den Liebesgott in Verlegenheit bringst? – Die Gazellenkitzäugige sagte mit lieblicher Stimme: Ich bin eine Nymphe dieses von Kurzweil erfüllten, mit deinem Kadamba-Baum geschmückten Waldes und tummle mich im Geäst der Bäume, o Brahmane! Es gab da ein Treffen der Nymphen in Indras, des Götterkönigs, Paradiesgarten, das jeweils statfindet zum Fest des Liebesgottes am dreizehnten Tag der lichten Hälfte des Frühlingsmonats Tschaitra. Dort sah ich, selber kinderlos, alle Freundinnen mit Kindern. Das schmerzte mich sehr. Erhabener, schenke mir einen Sohn! Wenn nicht, richte ich, um den Schmerz nicht länger ertragen zu müssen, meinen Körper als Opferspende für das Feuer her! – So sprach die Schöne, und der Beste der Asketen hatte Mitleid, lächelte, reichte ihr eine Blume und sprach: Geh, du Schöne, in einem Monat wirst du, Bienenäugige, einen wohlgeratenen Sohn gebären! – So sagte der Asket zu der Schönen, deren Antlitz sich aufklärte, und liess die Bittstellerin ziehen. Nach kurzer Zeit kehrte die Lotusäugige mit einem zwölfjährigen Sohn zu dem Asketen zurück. Sie verneigte sich, liess sich nieder und sprach, mondgleichen Angesichts, mit zarter Stimme: Dieser wunderbare Junge, o Erhabener, ist unser beider Sohn. Ich habe ihm alle Künste – Musik, Tanz , Malerei usw. – beigebracht. Du mögest dich seiner mitleidig annnehmen, o Herr! – So sagte sie. Und der Asket entliess sie mit den Worten: Du sollst ihn hierlassen, den Sohn, als meinen Schüler, o Frau! – Nachdem sie gegangen, unterrichtete er den Sohn in traditionellem Wissen und in den Lehren des Veda und Vedânta, mit Geduld stets, ausführlich, der Reihe nach. Eines Tages nun erzählte er ihm die folgende kleine Geschichte:

Es gibt einen mächtigen, berühmten König. Svottha (Selbstentstanden) heisst der Glanzvolle, welcher die ganze Welt beherrscht. Im unendlich weiten leeren Raum wird er geboren. Und in eben diesem grenzenlosen Raum bringt er eine Stadt mit vierzehn grossen Strassen und mit zwei unversieglichen Leuchten, einer kalten und einer heissen, hervor. Doch irgendwann kommt ihm der Wunsch, dem Launischen, wieder zu verschwinden. Und so verschwindet er sogleich. Und wieder entsteht er unverzüglich aus dem leeren Raum, wie eine grosse Welle aus dem Wasser. Er entwickelt eine intensive Tätigkeit, um von neuem in seiner Aktivität zu erlahmen. Bisweilen härmt er sich ob seiner eigenen Betriebsamkeit und sagt sich bekümmert: Warum tu ich das? Ich bin ein Tor! – Und bisweilen freut er sich und dehnt sich spontan aus.

Nun fragte der Sohn den Vater dort oben im Kadamba-Baum: Wer ist dieser Svottha genannte König, o Vater? Warum hast du mir das erzählt? – Dâschûra sprach: Höre, Sohn, ich will es dir sagen. Als selbstentstanden (svottha) bezeichnet man die aus dem absoluten leeren Raum hervorgegangene Imagination. Diese entsteht ganz von selbst und verschwindet ganz von selbst. Es ist ihr Wesen, aus welchem die gesamte Welt in ihrer ganzen Ausdehnung hier besteht. Im leeren Raum hat sie diese Stadt geschaffen, wo sich die vierzehn Strassen, die Sphären der Welt und Nichtwelt (der lichten und dunklen Seite des Kosmos), dahinziehen und wo die beiden kalt und heiss brennenden Leuchten, die der Wind nicht auslöscht, Mond und Sonne sind. Wenn sie etwas imaginiert, erblickt sie es sogleich. Es genügt, dass sie das Imagieren einstellt, und alles verschwindet, auf der Stelle. Wenn man auch tausend Jahre strenge Askese übt, es gibt keinen anderen Weg zum Heil als das Aufhören der Imagination. In der Tat, o Fehlloser, sind alle Dinge auf dem Faden der Imagination aufgezogen. Wenn der Faden durchschnitten, weiss ich nicht, wo sie, zerstiebend, hingelangen. – Das war des Dâschûra kleine Geschichte. Man möge es sich wohl vergegenwärtigen: Wie des Dâschûra kleine Geschichte, so ist diese Welt.



13.4.2012





Alles ist nur scheinbar vorhanden.

16.96 [4.4.97]



Manchmal stammen die Weltschöpfungen von Scharwa [Schiwa], manchmal haben sie ihren Ursprung beim Lotusgebornen [Brahmâ], manchmal auch stammen sie von Wischnu, manchmal sind sie von einem Asketen geschaffen.

16.112 [4.4.114]